Polyptyque ist in diesem Programm mehr als der Titel eines einzelnen Werks. Der Begriff beschreibt auch die Form des Abends selbst: ein musikalisches Polyptychon aus mehreren Tafeln, die unterschiedliche Erscheinungsformen von Polyphonie, Kontrapunkt und dem Verhältnis von Solostimme und Ensemble zeigen.
Am Anfang steht Johann Sebastian Bachs Drittes Brandenburgisches Konzert. Hier entsteht die Energie ganz aus dem Zusammenspiel der Streicher. Stimmen greifen ineinander, Linien kreuzen sich, rhythmische Impulse wandern durch das Ensemble und finden im Tutti wieder zusammen. Bach zeigt, wie viel Bewegung und Spannung aus reiner Vielstimmigkeit entstehen kann.
Frank Martins Polyptyque führt diesen Gedanken in eine andere Sphäre. Das Werk nimmt Bezug auf die Passion Christi und entfaltet sich wie eine Folge musikalischer Bilder. Die Solovioline durchläuft dabei wechselnde Rollen und Perspektiven. Mal tritt sie hervor, mal fügt sie sich ein, mal scheint sie eine Figur zu verkörpern, mal eine innere Regung. So wird das Werk selbst zu einem Polyptychon: zu einer Abfolge einzelner Felder, die erst im Zusammenhang ihre volle Bedeutung entfalten.
Mit der Uraufführung einer neuen Auftragskomposition des international gefeierten Schweizer Komponisten Richard Dubugnon kommt eine weitere Stimme hinzu. Das Werk entsteht anlässlich des 70-Jahre-Jubiläums der Camerata Zürich. In diesem Kontext steht die Uraufführung nicht isoliert im Programm, sondern als zeitgenössischer Beitrag zu einem Konzert, das sich mit Struktur, Mehrstimmigkeit und klanglicher Perspektive beschäftigt.